Die Idee hatte ich schon lange: mit dem Motorrad bis ans Nordkap. Ich wollte die Mitternachtssonne sehen, durch endlose Landschaften fahren, dem Alltag für ein paar Wochen entfliehen. Im Frühsommer 2025 wagte ich das Abenteuer.
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Die Idee hatte ich schon lange: mit dem Motorrad bis ans Nordkap. Ich wollte die Mitternachtssonne sehen, durch endlose Landschaften fahren, dem Alltag für ein paar Wochen entfliehen. Im Frühsommer 2025 wagte ich das Abenteuer.
Ich sollte nicht der einzige mit diesem Ziel sein: Auf einem Rastplatz hinter Hamburg traf ich Michel, einen Schweizer mit seiner Moto Guzzi. Ebenfalls unterwegs in Richtung Nordkap. Am Skandinavienkai in Lübeck gesellte sich Frank aus Jena zu uns. Drei Fremde, ein Ziel und sofort war da dieses Gefühl von Zusammenhalt, das ich am Motorradfahren so liebe.

Mit halbnackten Finnen auf der Fähre
Nachts um zwei Uhr legten wir mit der Fähre Finnlady ab, in zwei Tagen sollten wir in Helsinki sein. An Bord genoss ich den Blick aufs Meer, beobachtete wetterresistente Finnen nach der Sauna auf dem Sonnendeck. Welch ein Gegensatz: Ich am Frieren durch den Ostseewind und die Finnen nur leicht bekleidet mit Handtuch. Ich genoss lieber das Zusammensitzen mit Frank und Michel, statt mich mit den Nordeuropäern in die Sauna zu gesellen.

Ankunft in Helsinki, ich fuhr direkt in die Innenstadt. Der Dom war zwar hinter einem Baugerüst versteckt, aber die alte Markthalle entschädigte für vieles. Ein perfekter erster Eindruck von der Stadt.
Abends dann eine Premiere: meine erste Fahrt im Schlafwagen. Der Zug trug passend den Namen Santa Claus Express und sollte mich über Nacht über 800 Kilometer bis an den Polarkreis bringen.

Am Polarkreis sattelte ich aufs Motorrad um
Nachdem ich im Schlafwagen ordentlich durchgerüttelt wurde, an Tiefschlaf war kaum zu denken, kam ich frühmorgens in Rovaniemi an. Ab hier ging es auf zwei Rädern weiter. Mein erster Stopp: der Polarkreis, einer der fünf wichtigsten Breitengrade der Erde. Hier hat auch Santa Claus mit seinen Rentieren sein Zuhause, wo ich eine Audienz hatte. Der wusste erstaunlich viel von mir und gab mir den Rat, auf die Rentiere bei meiner Reise aufzupassen. Die erste Etappe durch Finnland war eine eintönige Angelegenheit, 290 km geradeaus durch den Wald. Die Temperaturen fielen langsam auf zehn Grad.

Der zweite Fahrtag startete am Inari See und endlich: Kurven! Hügel! Straßen mit Auf und Ab! Endlich Abwechslung nach all den Geraden am Vortag.

Langsam verabschiedete sich das Land mit seinen Seen und Wäldern von mir. Kaum in Norwegen angekommen, wurde es steiler und spektakulärer. Die Berge wuchsen, das Meer kam näher, und hinter jeder Kurve dachte ich: „Jetzt ist es perfekt” – und dann wurde es noch besser.

Kurz vor meinem Tagesziel Olderfjord, erreichte ich erstmals einen Fjord. Meer, Berge, Weite und Geruch nach Salzwasser. Zum Schluss noch eine wunderschöne Kirche am Fjord, die fast schon wie ein Fremdkörper in dieser unberührten Natur wirkte.

Das Nordkap ruft
Nach dem Frühstück ging es weiter Richtung Norden. Es stand eine kleine Tour von 130 Kilometern auf meinem Plan, dafür war das Ziel aber ein Großes: das Nordkap.
Ich folgte dem Fjord vom Vortag, entlang einer zerklüfteten Küste. Nach dem Nordkap-Tunnel veränderte sich die Landschaft komplett: Es zeigte sich eine Art Steppe ohne Bäume, die Weite schien unendlich.

Und dann plötzlich tauchte es vor mir auf: das Nordkap. Ein besonderer Moment.
Mit anderen Touristen stand ich an der Nordkap-Kugel und genoss den Moment aufs endlose Meer zu blicken. Nach den ersten Eindrücken ging es zu einer kleinen Holzhütte, 15 Kilometer entfernt, die ich für die Nacht gebucht hatte.

Eine Nacht ohne Finsternis
Um 2.45 Uhr nachts klingelte der Wecker aus einem bestimmten Grund: Ich wollte dieses eine Bild. Mein Motorrad vor der Nordkap-Kugel. Ohne Touris, nur ich. Klingt romantisch? War’s auch. Aber nur ganz kurz.
Bei 2,5 Grad fuhr ich los, der Wind eisig. Dazu feiner, gemeiner Schneeregen. Und als wäre das nicht genug, sprangen mir auf den 15 Kilometern auch noch Rentiere vors Bike. Die schauten, als wollten sie sagen: „Was machst du denn hier?“
Angekommen um 3.27 Uhr hatte Wettergott Thor Mitleid mit diesem frierenden Biker aus Stemwede. Der Himmel riss für ein paar Minuten auf. Genug Zeit, um das Foto zu machen. Kein Mensch dort. Nur ich, mein Bike, diese unglaubliche Stille und die Mitternachtssonne.

Wiedersehen mit einem alten Bekannten und rauer Seegang
Hier sollte meine Reise noch nicht zu Ende sein. Nächstes Ziel: die Lofoten. Die Temperaturen lagen zwischen vier und zehn Grad, und gefühlt gab es alle 50 Kilometer ein neues Mikroklima. An einer Tankstelle traf ich tatsächlich Frank wieder, den Biker aus Jena, den ich auf der Überfahrt kennengelernt hatte. Bei norwegischen Waffeln tauschten wir Eindrücke aus, dann ging es weiter nach Alta.
Die Strecke zwischen Olderfjord und Alta werde ich so schnell nicht vergessen, obwohl es teilweise regnete. Geröll, graue Berge und Eis. Teilweise sah es aus, als hätte jemand das Land in Schwarz-Weiß-gezeichnet. Einfach unfassbar schön.

In Alta angekommen schien plötzlich die Sonne: 16 Grad, fast T-Shirt-Wetter. Am Telefon meinte meine Frau trocken: „Bei uns waren’s heute 38 Grad.“
Der nächste Tag begann wieder mit leichten Regen und einstelligen Temperaturen. Ich machte mich auf den Weg nach Tromsø. Entlang an Fjorden und schneebedeckten Bergen.

Nach gut 100 Kilometern erreichte ich meine erste Fjord-Fähre auf dieser Reise. Der Seegang war allerdings so stark, dass ich mein Motorrad festhalten musste.

Auf der anderen Seite des Fjords änderte sich das Landschaftsbild: fast wie im Allgäu, grüne Wiesen, dazwischen gelbe Blumen und schneebedeckte Berge.

Am Abend erreichte ich den Küstenort Tromsø. Mein erster Halt, die Eismeerkathedrale, die einem Eisberg nachempfunden wurde. Sie soll die raue Schönheit des arktischen Nordens symbolisieren. Von hier aus sah man auch die Schiffe der Hurtigruten im Hafen liegen.

Über Senja Richtung Lofoten
Am nächsten Tag ging es mit einer Fähre zur Insel Senja. Ein Motorradfahrer aus Stuttgart sprach mich an Bord grinsend an: „Dich hab ich seit dem Nordkap schon öfter gesehen, wo ist die Kamera? Du stehst immer am Straßenrand und knipst!“
Auf Senja wurde ich belohnt. Stabile zehn Grad, Sonne, Fjorde, Wasserfälle, Berge, die über 1000 Meter hoch sind und steil ins Meer abfallen. Kleine Straßen und enge Tunnel, die Spaß machten, mit dem Motorrad zu fahren. Trotz der beeindruckenden Natur gibt es hier glücklicherweise noch keinen großen Touristenansturm.

Karibik im Nordmeer
Am nächsten Tag fuhr ich schließlich Richtung Lofoten. Das milde Wetter belohnte mich für alle Strapazen. Dazu glasklares, tiefblaues Wasser, kleine Inselgruppen, die verstreut im Meer lagen.

Erster Stopp war der Sportplatz von Henningsvær. Dort sprach mich eine Gruppe Kreuzfahrer an, sie hatten meinen Nordkap-Aufkleber am Motorrad gesehen: „Da waren wir gestern auch!“ Ich dachte nur: Was haben die verpasst, ich habe für die Strecke eine ganze Woche gebraucht und viel erlebt.
Statt auf der Hauptstraße ging es weiter auf einer Schotterpiste, dabei entdeckte ich alte Holzkirchen und weiße Strände. Zum Tagesabschluss ging’s ins Lofoten-Wikinger-Museum, ein bisschen Kultur musste auch sein.

Am letzten Tag auf den Lofoten war mein erstes Ziel der Hauklandstrand. Über kleine Straßen ging es weiter ins malerische Fischerdorf Nusfjord. Mein Kopf wurde langsam voll, so viele Eindrücke auf nur einer Reise.

Die Strecke führte mich weiter nach Hamnøya, wo tatsächlich noch Stockfisch an Holzgestellen getrocknet wurde, was in Norwegen eine Spezialität ist. Mein letzter Abstecher auf den Lofoten: „Å“ der Ort mit dem kürzesten Namen der Welt.

